KAPITEL 3
Es regnet leicht.
Wir reiten in eine Siedlung ein, rechts von uns liegt ein kleiner Fischteich. Merlin steigt vom Pferd, und ich tue es ihm gleich. Mittlerweile haben wir uns angefreundet. Merlin hat mir auf unserer Reise von Avalon und von dem Heiligen See erzählt. Er hat mir die Wirkung einiger Heilpflanzen erklärt, die wir unterwegs gesehen haben, und mir von altem Wissen und von der Magie der Bäume berichtet. Ich liebe es, ihm zuzuhören, seine Stimme ist sanft und tief, und er weiß, wie man kleine, unglückliche Mädchen zum Lachen bringt.
Mein Pony ist von der mehrtägigen Reise sehr erschöpft. Voller Sorge lege ich meine Arme um seinen Hals und drücke es an mich.
»Merlin, wir müssen einen Tag Pause machen. Schau nur, wie müde das arme Tier ist, bitte«, mit flehenden Augen schaue ich Merlin an.
»Wir sind angekommen, mein Kind, dein Pony kann sich jetzt ganz lange ausruhen.«
Abrupt lasse ich das Pony los und schaue mich um. »Das ist Avalon?«, frage ich etwas ent-täuscht.
»Nein, das ist die Siedlung, die vor Avalon liegt, die Pferde werden hierbleiben, und wir ge-hen das letzte Stück zu Fuß. Aber nicht, bevor wir anständig gegessen haben, mir knurrt schon seit Stunden der Magen.« Schwungvoll nimmt er mich auf den Arm und zwickt mich in die Sei-te, sodass ich laut auflachen muss.
Das Dorf ist klein und scheint unglaublich alt zu sein. Beim Schmied bekommen wir eine di-cke Suppe mit Pilzen und dazu warmes, lecker duftendes Brot. Merlin steckt dem Schmied ei-nen Beutel mit Münzen zu, dieser verneigt sich leicht und bedankt sich. Mein Pony wird hier-bleiben und versorgt werden.
Gestärkt von der üppigen Mahlzeit gehen Merlin und ich von der Siedlung aus durch ein Wald-stück, und dann über eine große Lichtung. Auf die Lichtung folgt ein weiteres Wäldchen, das etwas Zauberhaftes hat: Dicke alte Bäume stehen dort, der Boden ist ganz weich und die Luft, ja, sie ist süß, ohne schwer zu sein, eher belebend.
Schließlich kommen wir zum Ufer des Heiligen Sees, und mein Blick fällt auf die Insel in der Mitte.
Ich werde ihn nie vergessen, egal, wie alt ich werde: den Moment, in dem ich Avalon zum ers-ten Mal sah.
Augenblicklich wird mein Herz weit, und eine so hohe Liebesenergie erfasst mich, dass ich mich und den Boden unter meinen Füßen nicht mehr spüren kann. Meine Aura dehnt sich aus, nichts um mich herum kann ich noch wahrnehmen – außer Avalon. Der See ist glatt wie eine dunkle Glasscheibe, und ich spüre in jeder Zelle meines Körpers, dass er mich willkommen heißt. In diesem heiligen Moment leuchtet die Insel für mich auf. Ich weiß nicht, wie lange wir dort gestanden haben. Irgendwann legt Merlin sanft seine Hand auf meine Schulter. »Hierhin gehörst du, mein Kind, hier findest du deine Bestimmung, hier, in Avalon.«
Mit einem Boot fahren wir über den See. Ich kann meinen Blick nicht mehr von der Insel ab-wenden und bin plötzlich schrecklich aufgeregt. Wir fahren auf eine Holzplattform zu, an der Merlin das Boot festmacht. Ich klettere heraus, stehe auf der Holzplattform und habe plötzlich große Angst, den Boden von Avalon zu betreten.
»Was hast du, Morgaine? Komm, wir werden erwartet!«
»Wenn ich auch nur einen Fuß auf das Land von Avalon setze, werde ich auf ewig mit diesem Land verwurzelt sein«, sage ich zu Merlin.
Mit aufgerissenen Kinderaugen schaue ich ihn an, ich zittere am ganzen Körper.
»Mein liebes Kind, du hörst dich manchmal an wie eine alte, weise Priesterin.« Liebevoll lä-chelt er mir zu. »Glaube mir, für dich gibt es kein Zurück mehr.«
Dies ist nun mein Zuhause, denke ich, und dieser Gedanke macht mich glücklich. Die Tür des großen Gebäudes öffnet sich und eine hochgewachsene Frau mit honigblondem langem Haar kommt schnellen Schrittes auf uns zu. Die letzten Meter legt sie im Laufschritt zurück. Vor mir angekommen sinkt sie auf die Knie und legt ihre schmalen kühlen Hände auf meine Schultern.
»Du bist Morgaine!«, strahlt sie mich an, und ich denke, dass sie Mutter sehr ähnlich sieht, sie ist nur größer und auch etwas älter als sie.
»Ich bin Vivian, deine Tante. Oh, wie ich mich freue, dich hier begrüßen zu dürfen. War Mer-lin freundlich zu dir? Wenn nicht, ziehe ich ihm die Ohren lang.« Sie lacht laut auf und schaut keck zu Merlin hin. Merlin schlägt mit einem Lächeln in den Mundwinkeln die Augen nieder.
»Merlin war außerordentlich höflich und freundlich zu mir, es ist nicht nötig, an seinen Ohren zu ziehen«, erwidere ich. »Auch hat er dafür gesorgt, dass es meinem Pony gut erging und dass die Reise kurzweilig war.«
»Erstaunlich!«, Vivian zieht die Augenbrauen hoch und schaut mich an. »Nun, dann zeige ich dir dein neues Zuhause.«
Avalon ist einfach wundervoll, schnell habe ich mich eingelebt. Nur nachts, wenn alle anderen schlafen, weine ich leise, weil mir Artus so sehr fehlt. Der Gedanke, dass er unglücklich sein könnte, weil ich nicht mehr in Tintagel bin, quält mich. Vivian erlaubt mir, regelmäßig in die Siedlung zu gehen, um nach meinem Pony zu sehen. Ich reite dann lange aus und erkunde die Umgebung.
Ich lerne viel, die alten Legenden und die Geschichte des Landes. Wie die Römer nach ihrer Invasion zunächst vertrieben wurden, dann aber doch unser Land zu großen Teilen eroberten. Vivian erzählt mir, dass Mama meinen Vater geheiratet hatte, um Avalon zu schützen. Ich lerne alles über die Heilkräfte der Natur, über die Kraft der Himmelsrichtungen und der Elemente – das alles ist sehr aufregend. In uns, den jungen angehenden Priesterinnen, wird ein Bewusstsein geweckt, das sich nicht in Worte fassen lässt. Wir meditieren oft am Ufer des Heiligen See, der Avalon umgibt, und führen immer wieder rituelle Waschungen mit seinem heiligen Wasser durch. Ich liebe den See. Wir Menschen sind Wesen, die aus dem Wasser geboren wurden, je-nem Element, das die Wiege allen Lebens ist. Es ist das Element des Westens, das Element der untergehenden Sonne, das Element der Nacht und der Mondgöttin.
Weniger aufregend ist der Unterricht, in dem ich weben und spinnen lernen soll. Leider habe ich hierfür kein Talent. Ich lerne auch schreiben und rechnen. Vivian, meine Tante, ist eine der drei Hohepriesterinnen von Avalon. Die beiden anderen, Sandreia und Marla, sind weitaus älter als Vivian. Alle sind außerordentlich lieb zu mir, daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Die Hohepriesterinnen geben ihr Amt stets innerhalb ihrer Blutlinie weiter. Wenn eine Hoheprieste-rin keine eigenen Kinder hat, geht es an eine Schwester, Enkelin oder auch an eine Nichte.
Obwohl mein Leben hier wunderschön und auch spannend ist, bleibt eine gewisse Leere in meinem Herzen. Oft bin ich traurig und einsam. Dann streife ich in den Wäldern umher und spreche mit den Bäumen. Mit schwerem Herzen klage ich ihnen mein Leid, dass ich meinen Bruder, den kleinen Artus, so sehr vermisse. Die Bäume hören mir zu, und sie trösten mich. Sie lassen mein Herz ruhig werden. Ich kann mich an sie anlehnen und die kraftspendende Energie fühlen, die von ihnen ausgeht. Ich kenne jeden Baum in der Umgebung Avalons und des alten Dorfes. Deutlich habe ich das Gefühl, dass auch die Bäume mich mittlerweile kennen – oft mei-ne ich zu spüren, wie sie mich begrüßen, mir ihre kräftigende Energie senden, ihre tiefe Liebe und Verbundenheit.
An einem sonnigen Tag im März – ich bin nun schon seit mehr als drei Jahren in Avalon – führt mich einer meiner Streifzüge zur großen Lichtung. Dort, am Rande der Lichtung, stehen zwei sehr alte dicke Eichen. Ich kenne diesen besonderen Ort sehr gut und gehe schnellen Fußes auf ihn zu. Plötzlich spüre ich tief in meinem Herzen, dass ich nicht alleine bin. Konzentriert nehme ich einen tiefen Atemzug, schließe meine Augen für einen Moment und kann Merlin vor meinem inneren Auge sehen. Er sitzt, an den Baumstamm der dicken Eiche gelehnt, auf dem weichen Waldboden. Voller Freude öffne ich meine Augen und renne los.
»Merlin!«, rufe ich laut, laufe los und erreiche schwer atmend die alten Eichen. Merlin bleibt ganz ruhig sitzen und sagt: »Mein liebes Kind, was schreist du hier so herum, dies ist ein heili-ger Platz, ein Ort der Ruhe.«
»Merlin!«, schreie ich erneut, trample mit den Füßen auf dem Boden herum und lache immer-zu. Merlin springt auf, nimmt mich in die Arme und wirbelt mich in der Luft herum. Nun lachen wir beide.
Knapp über ein Jahr habe ich ihn nicht gesehen, und so ist die Freude übergroß. Merlin hält mich mit ausgestreckten Armen von sich weg und betrachtet mich eingehend. »Du bist gewach-sen, na ja, ein wenig jedenfalls.«
Ich mache mich aus seiner Umarmung los.
»Ich bin es leid, ständig geneckt zu werden, nur weil ich klein bin. Na und? Ihr werdet euch noch alle wundern, denn Größe hat überhaupt nichts mit Körperlänge zu tun«, erwidere ich barsch.
Merlin streicht sanft über meine wilden, schwarzen Locken: »Oh ja, da hast du natürlich recht. Wie geht es dir, mein liebes Kind?«, fragt Merlin. »Ich kann so oft dein trauriges Herz spüren. Jeder hier weiß, wie sehr du Artus vermisst, und jeder kann diese alte, unglaublich starke Liebe spüren, sogar die Bäume sprechen davon.«
Wir setzen uns unter eine der alten Eichen. Merlin lehnt sich an den Baumstamm und legt vä-terlich seinen Arm um mich. »Liebe ist etwas Kostbares, etwas Wertvolles. Liebe ist kein Grund zum Weinen und Wehklagen. Ich bin auf dem Weg, Artus zu holen, seine Zeit der Schulung be-ginnt bald. Er wird einige Jahre von mir unterrichtet werden, er wird dort, wohin ich ihn bringe, auch das Kämpfen lernen.«
Merlin schweigt für einen Moment.
»Mein liebes Kind, eure Herzen sind sehr stark verbunden. Wenn du weinst, kann Artus dies fühlen. Du, Morgaine, hast dich für Avalon entschieden. Tief in deinem Herzen weißt du, dass es für dich nur diesen einen Ort gibt. Avalon ist deine große Liebe. Und so bitte ich dich, in den nächsten Jahren das Glücklichsein zu lernen, um Artus' willen. Es ist wichtig, dass er sich von nichts ablenken lässt, seine Ausbildung wird ihm viel abverlangen. Konzentration, Kraft und Mut.«
»Kann ich mitkommen?«, frage ich. »Ich würde ihn so gerne sehen und mit ihm sprechen.«
»Nein, Morgaine.«
Ich spüre, dass es keinen Sinn hat zu betteln, dieses Nein ist eindeutig und kühl. »Als Prieste-rin von Avalon, die du bald sein wirst, hast du die Pflicht, dein Wohl hinter das der anderen zu-rückzustellen, denke immer daran. Du hilfst Artus nicht, wenn du traurig bist und weinst, weil er dir so sehr fehlt. Vertreibe in Zukunft solche Gedanken und konzentriere dich auf deine Aus-bildung. Es wird der Tag kommen, an dem ihr euch wiederseht, und dann werdet ihr beide all eure Kraft und all euer Wissen brauchen.«
Entschlossen blicke ich zu Merlin auf, ich schaue ihm fest in die Augen.
»Ich verspreche dir, nichts zu tun, was Artus schwächen oder ihm hinderlich sein könnte. Und ich verspreche dir, dass ich alles tun werde, was nötig ist, um ihn zu unterstützen.«
Merlin lächelt mich an und drückt mich an sich, er streicht liebevoll über mein Haar und sagt: »Du bist das mutigste kleine Mädchen, das ich kenne, und du wirst einmal die mutigste Frau sein, die ich je kannte.«
Bei den letzten Worten wird sein Blick ernst. Fragend schaue ich in seine Augen – ist da Trau-rigkeit zu sehen? Er wendet seinen Blick ab und schlägt die Augen nieder. Ich frage nicht, denn mein Herz fühlt, dass ich es jetzt noch nicht wissen möchte, nichts von alldem, was in Zukunft sein wird, nein, ich lebe jetzt. Mit einem Satz springe ich auf meine Füße und sage: »Dann will ich heute gleich beginnen, das Glücklichsein zu üben. Weißt du, Merlin, ich bin natürlich sehr froh, dich zu sehen, aber unser Gespräch hat so etwas Schweres. Lass uns etwas unternehmen. Komm, steh auf, lass uns ausreiten!«
»Nun gut, wenn es dir Freude macht. Aber ich habe noch nicht erwähnt, dass ich eine Überra-schung für dich habe.« Merlin dreht sich um und geht langsam in Richtung Dorf. Fassungslos stehe ich wie versteinert da, ich kann nicht glauben, dass er nicht damit herausrückt. »Was für eine Überraschung?«, rufe ich laut, renne hinter ihm her und zerre wie wild an seinem Ärmel. »Was für eine Überraschung? Sag schon! Endlich ein richtiges Pferd? Bald bin ich zu groß für das alte Pony. Oder ein Kleid? Ich möchte nicht immer diese langweiligen Kleider tragen. Ich finde, ich könnte auch etwas Schmuck gebrauchen.«
Ich lache laut auf.
»Ach, Merlin, eigentlich brauche ich ja gar nichts: Ich bin bald eine Priesterin von Avalon – und ich habe dich so lieb.«
Merlin legt seinen Arm um meine schmalen Schultern, und wir gehen gemeinsam zum Dorf, schweigend und voller Freude in unseren Herzen.
Auf dem Dorfplatz steht ein Menhir, ein ehrwürdiger Monolith, der aussieht, als stünde er dort schon seit Menschengedenken. Kinder haben einen Kreis aus dicken runden Steinen um ihn herum gelegt. Ein großer, kräftiger Junge steht lässig an den Menhir gelehnt und schnitzt gelangweilt mit einem viel zu großen Messer an einem kleinen Ast herum. Als der junge Mann merkt, dass Merlin auf ihn zukommt, steckt er hastig das Messer weg und wirft das kleine, mal-trätierte Holzstück hinter sich. Dann kommt er uns einige Schritte entgegen. Er ist groß und kräftig, hat Sommersprossen und ein breites Gesicht mit einem noch breiteren Grinsen. Seine Haare sind rot und wild, er hat sie zu einem Zopf zusammengebunden. »Darf ich euch bekannt machen«, sagt Merlin und schaut mich an. »Das ist der junge Sir Gawain«, nun zeigt er auf mich. »Und dies ist Lady Morgaine.«
Sir Gawain verbeugt sich tief vor mir und sagt: »Es ist mir eine Ehre, euch kennenzulernen, Lady Morgaine.« Ich bekomme einen roten Kopf, und weil ich nicht so recht weiß, was ich sa-gen soll, verstecke ich mich hinter Merlins Arm.
»Sir Gawain«, erklärt Merlin, »ist hier, um dir etwas beizubringen. Das ist die Überraschung – und ich hoffe sehr, dass du viel Freude an seinem Unterricht haben wirst und er dich vom Trübsal blasen etwas ablenkt. Also, nicht so schüchtern, ihr werdet in den nächsten Monaten viel Zeit miteinander verbringen und euch hoffentlich gut verstehen. Ich würde es sehr schätzen, wenn ihr euch schon bald in tiefer Freundschaft begegnen würdet.« (...)